













Vergangene Woche feierten Menschen jüdischen Glaubens nicht nur in Südafrika, sondern in der gesamten Diaspora und natürlich besonders in Israel Purim, ein ausgelassenes Fest mit vielen bunten Verkleidungen, Süßigkeiten, Geschenken und dergleichen mehr. Die freudige Ausgelassenheit liegt begründet in einem überaus freudigen Ereignis, welches die historisch-religiöse Grundlage des Festes bildet, nämlich die Bewahrung des jüdischen Volkes während eines geplanten, antijüdischen Genozids zur Zeit des medo-persischen Imperiums, vmtl. etwa in den 480er Jahren v. Chr.
...mehr lesen!Seit dem Ende des unmenschlichen Apartheid-Systems in Südafrika Anfang der 1990er Jahre hat sich das Land stark verändert. Eine der vielleicht überraschendsten Veränderungen ist die Renaissance einiger bis dahin weitgehend in Vergessenheit geratener Bräuche. Als ein typisches Beispiel hierfür kann das vor allem unter den amaZulu praktizierte ukuhlolwa kwezintombi gelten. Hierbei handelt es sich um einen – mehr oder weniger – rituellen Jungfräulichkeitstest, der bei unverheirateten Frauen und Mädchen, teilweise bereits ab einem alter von etwa acht Jahren, durchgeführt wird. Da die Ehre einer Familie, eines Clans oder Stammes traditionell betrachtet als von der sexuellen Reinheit ihrer bzw. seiner Töchter abhängig gilt, war ukuhlolwa kwezintombi von jeher ein wichtiges Instrument der kollektiven Ehrerhaltung. Darüber hinaus wird ukuhlolwa kwezintombi heutzutage vor allem als eine HIV-Präventionsmaßnahme betrachtet.
...mehr lesen!Nicht immer treffen Menschen ihre Entscheidungen völlig rational. Wenn man den Forschungsergebnissen der modernen Neurowissenschaft Glauben schenkt, ist das menschliche Bewusstsein überhaupt nur an sehr wenigen Entscheidungsprozessen beteiligt. Das meiste geschieht unterbewusst. Dennoch lässt sich beobachten, dass innere Glaubenssätze, sogenannte Kognitionen, einen großen Einfluss auf das menschliche Verhalten haben. Besonders Menschen, die derartige Glaubenssätze nicht nur für sich, sondern auch für andere zum unumstößlichen Dogma erheben, sind in ihrer Entscheidungsfreiheit oftmals eingeschränkt. Nicht selten sind solche Menschen religiös und entwickeln deshalb ihre Glaubenssätze – bewusst oder unbewusst – aus ihrem individuellen Bibelverständnis heraus.
Mit einer Person, auf die diese grobe Beschreibung zutrifft, stand ich vor wenigen Jahren im Austausch. Sie interessierte sich sehr für unsere Projekte in Südafrika und hatte sich vorgenommen, diese finanziell zu unterstützen, entschied sich schlussendlich aber gegen die Unterstützung, nachdem sie sich ein kurzes Video über die Arbeit vor Ort angeschaut hatte. Darin zu sehen waren u.a. Schwarze Frauen bzw. Mädchen, die teilweise kurze oder auch geflochtene Haare trugen. Nach Ansicht der besagten Person handelte es sich in beiden Fällen um Frisuren, die nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar, da unbiblisch waren.
...mehr lesen!In seiner epochalen, als Buch erschienenen Vorlesungsreihe How to Do Things with Words von 1955 hat der britische Philosoph John L. Austin letztlich u.a. festgestellt, dass von der Aufklärung geprägte Menschen zwar nicht mehr an Magie glauben, sie aber nach wie vor regelmäßig praktizieren. Wenn bspw. eine Standesbeamtin die Worte spricht „hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau“, so gilt die Ehe auf wundersame Weise ab exakt diesem Moment als rechtsverbindlich. Sie muss dazu heutzutage nicht einmal mehr vollzogen werden und auch Trauzeug:innen sind inzwischen nicht mehr zwingend notwendig. Somit sind die von der Standesbeamtin gesprochenen Worte von einer magischen Formel phänomenologisch quasi nicht zu unterscheiden.
In vielen südafrikanischen Kulturen ist das jedoch anders. Eine anerkannte Trauungszeremonie kann hier keinesfalls ohne vorherige lobola stattfinden. Dabei handelt es sich um das Brautgeld, welches i.d.R. dem Gegenwert einer zu vereinbarenden Anzahl von Rindern entspricht und von der Familie des Bräutigams typischerweise an einen Onkel der Braut gezahlt wird, stellvertretend für dessen Familie bzw. Clan. Ob es sich hierbei womöglich um eine Entschädigungszahlung an die Schwiegerfamilie handelt für die durch Heirat verlorengehende Arbeitskraft, wie bisweilen gutmütig unterstellt wird, lässt sich kaum rekonstruieren. Die mündlichen Überlieferungen zu dieser Praxis sind vielfältig und schriftliche Zeugnisse aus der Zeit vor Ankunft der Europäer:innen im südlichen Afrika nicht vorhanden.
...mehr lesen!